Wenn ich im Vice Berlin-Guide über den Friedrichshain folgendes lese …
Wie in einem Ghetto leben in Friedrichshain all diejenigen, die gerade erst in Berlin angekommen sind, zwischen Linksextremen, Rasta-Kiddies und Emos. Während sie alle auf den Semesterbeginn warten (oder darauf, dass ihre Band durchstartet oder die kommunistische Revolution ausbricht und sich die Völker zum letzten Gefecht für die Menschenrechte aufschwingen), verbringen sie ihre Zeit mit genau vier Aktivitäten: An sonnigen Tagen zwängen sie sich auf das kleine grüne Karree des Boxhagener Platzes, um den Bongospielern zuzuhören. An Sonntagen besuchen sie den schlechtesten Flohmarkt Berlins, um ihre bunt gestrichenen WGs mit Schund zu dekorieren. Außerdem gibt es
noch die Freizeitaktivität „Cocktailsaufen“ – hervorragend, um richtig schön in Urlaubsstimmung zu kommen – und zu späterer Stunde werden im sanften Licht der Abendröte ein paar Autos angezündet.
… dann lache ich herzlich und denke an den fernen Joda. Wenn ich dann aber auf der nächsten Seite dies hier lese …
FLOHMARKT BOXHAGENER PLATZ
Jeden Sonntag versammelt sich dort ganz Friedrichshain plus ein paar Touristen,
die gehört haben, dass Flohmärkte „urban und lebendig“ sind. Wenn du weib-
lichen Besuch hast, ist es ein großartiger Ort zur Vorspielbeschleunigung – jede
Frau zwischen 17 und 25 wird beim Aufsetzen der Rossmann-Sonnenbrille, die
sie sich gerade für 30 Euro aufschwatzen lassen hat (weil sie angeblich ein Nina
Ricci-Original aus den Siebzigern ist) so feucht, dass du später noch nicht mal
die von knapp oberhalb der Armutsgrenze lebenden Künstlern handgedrehten
Kerzen anzünden musst, um sie in Stimmung zu bringen.
… dann hebe ich mich wieder vom Boden auf und bin 2 Stunden später immer noch vom legeren Schreibstil der Vice beeindruckt.
Tags:
berlin,
culture
Related posts: